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Exportwirtschaft: Corona erfordert erweiterte Risikoevaluierung

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Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus ist ein beispielloser Einschnitt in der Nachkriegsgeschichte. Er stellt eine erhebliche Herausforderung für Weltbevölkerung, Politik, Volkswirtschaften und Unternehmen dar. Das gilt naturgemäss auch für die Exportwirtschaft. Unter anderem ist sie gefordert, neue, bislang unbekannte regionale Risiken rechtzeitig zu erkennen, denen ihre Absatzmärkte ausgesetzt sind.

Neben klassischen Variablen wie beispielsweise Bilanzdaten, Zahlungsströmen, Insolvenzen und volkswirtschaftlichen Kennzahlen sollten in der aktuellen Situation Parameter hinzugezogen werden, die eine höhere Flexibilität und Reaktionsgeschwindigkeit bei der Beurteilung von Risiken auf Seiten der Absatzmärkte und der dort ansässigen Geschäftspartner erlauben. Hier liefert etwa die Zahlungsmoral von Unternehmen wertvolle Erkenntnisse.

Ob eine Rechnung pünktlich beglichen wurde oder ob es hier zu Nachverhandlungen oder einem Verzug gekommen ist, lässt kurzfristig Rückschlüsse darüber zu, wie ein Unternehmen gerade aufgestellt ist. Zahlungserfahrungspools spezialisierter Wirtschaftsauskunfteien liefern tagesaktuelle Daten zur Einhaltung beziehungsweise Verfehlung von Zahlungszielen einzelner Unternehmen. Gleichzeitig bieten sie aggregierte Daten auf Länder-, Regionen- und Branchenebene, die gerade für Exporteure besonders aufschlussreich sein können. Insbesondere Veränderungen der Zahlungsgewohnheiten eignen sich als Indikator, um frühzeitig Risiken zu erkennen – sei es auf Absatz- oder Zuliefererseite.

Die Betreiber von Zahlungserfahrungspools können diese zusätzlich als Datengrundlage für eine hausinterne Modellierung und Identifizierung von Lieferketten nutzen. Sie zeigen dem Datenanbieter auf, mit welchen Unternehmen/ Unternehmenstypus und in welchen Regionen es typischerweise Geschäfte macht. Auf dieser Basis lässt sich eine noch differenziertere Risikobetrachtung von Unternehmen liefern.

Als zunehmend wichtig erweisen sich ferner, sogenannte weiche Daten zu berücksichtigen, die frühzeitig Aufschlüsse über risikorelevante Entwicklungen geben. Dabei handelt es sich um unstrukturierte Daten, mittels derer sich über Smart-Data-Modelle Stimmungslagen, allgemeine Entwicklungen und Trends einschätzen lassen. Angesichts der schieren Menge sowie der Heterogenität und unterschiedlichen Granularität solcher Daten aus unterschiedlichen Quellen bedarf es allerdings ausgefeilten statistischen und technischen Know-hows, um zu aussagekräftigen Schlüssen zu gelangen.

In der bislang einzigartigen Corona-Situation geht es dabei insbesondere darum, die Auswirkungen des Virus auf einzelne Länder, Regionen, Branchen und Unternehmen zu beleuchten: Welche Folgen haben differenzierte Beschränkungen zur Corona-Bekämpfung auf Länder- oder sogar Regionaler-Ebene, auf Konsumverhalten und Geschäftsmodelle von Unternehmen? Welche kurz- und mittelfristigen Konsequenzen ergeben sich daraus für Absatzchancen entsprechend ausgerichteter Exporteure?

Klar ist dabei, dass die Berücksichtigung weicher Kriterien klassische Modelle zur Risikoeinschätzung keineswegs obsolet macht. So hat ein finanziell stabiles Unternehmen immer noch die besseren Chancen, durch die Krise zu kommen, als ein solches, das sich vorher bereits in einer finanziellen Krise befand. Die Einbeziehung bislang nicht klar quantifizierbarer und statistisch auswertbarer Faktoren ist daher in erster Linie als Erweiterung klassischer Risikobewertung zu verstehen, kann aber gerade auch für exportorientierte Unternehmen wichtige Erkenntnisse liefern.

Dieser Artikel wurde auch im Swiss Export Journal vom 31. März veröffentlicht.

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